Veränderungen

David Allen ist ziemlich bekannt dafür: Wenn er mit dem Auto unterwegs ist, hört er Hörbücher und bildet sich auf diese Weise während Zeiten weiter, die er ansonsten recht sinnlos verbrennen würde. Können das eigentlich nur Autofahrer?

Gedankenspiel

16/52 Change von kate.52words bei FlickrLassen wir uns mal auf einen provokanten Gedanken ein: Nutzen wir Verkehrsmittel, wo wir selbst keine aktive Kontrolle übernehmen müssen und unsere Aufmerksamkeit auf etwas anderes lenken können als auf die anderen Verkehrsteilnehmer. Ignorieren wir einfach die handvoll Forscher, die behaupten, man wäre als Mensch ungewöhnlich hoher Stressbelastung ausgesetzt, wenn man nicht selbst am Lenkrad säße (ich glaube ja, dass diese Forscher nie im Berufsverkehr im Ruhrgebiet gefahren sind).

Fahren wir mit der Bahn.

Ich kenne natürlich die Vorurteile. Man würde ständig Termine verpassen, bekäme ja nie einen notwendigen Anschlusszug und überhaupt fräße die Bahn unendlich viel Zeit.

Aber ich behaupte, dass das in den allermeisten Fällen nicht stimmt. Wenn allerdings Fahrten so gebucht werden, dass maximal 2 Minuten Umsteigezeit verbleiben, kann niemand mehr helfen. Aus Zeitmanagement-Sicht ist es sowieso grober Unfug so knapp zu planen. Stichwort Pufferzeiten. Niemand „muss“ so knapp planen, vor allem dann nicht, wenn das angeblich sowieso mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht aufgeht.

Experiment

Um meine These etwas zu unterfüttern, habe ich wieder mal einen Selbstversuch gewagt. Und zwar in der Extremvariante. Ich pendle gute 2 ½ Stunden täglich pro Strecke mit der Bahn.

Diese Zeit teilt sich etwa wie folgt auf:

  1. S-Bahn 25 Minuten
  2. Aufenthalt und Gleiswechsel auf einem großen Bahnhof 20 Minuten
  3. ICE für knapp 90 Minuten
  4. Fußweg auf einem noch größeren Bahnhof von etwa 10 Minuten
  5. S-Bahn 2 Minuten

Insgesamt also 2 Stunden und 27 Minuten.

Jeder Teilabschnitt ist durch bestimmte Eckdaten bestimmt:

  1. S-Bahn: Meistens recht laut, viele Jugendliche mit potentiellen Hörschäden, ständiges Ein- und Aussteigen.
  2. Bahnhofsaufenthalt: Herumstehen, keine große Beeinträchtigung
  3. ICE: Im passenden Bereich („Ruhebereich“) große Ruhe und sehr leises und ruhiges Reisen
  4. Fußweg… Sportersatz, hoher Stresspegel durch meistens sehr regen Betrieb
  5. S-Bahn: Wiederum sehr laut aber auch nur sehr kurz

Die beiden S-Bahn-Strecken fallen aus Sicht des Selbstmanagements für irgendwelche sinnvollen Tätigkeiten aus. Einmal sind die Störungen durch die anderen Fahrgäste einfach zu groß und eine Konzentration auf irgendetwas ist meistens ausgeschlossen. Zum anderen sind diese Strecken recht kurz.

Interessanter sind der Bahnhofsaufenthalt und die Fahrt mit dem ICE. Bei meinem Experiment habe ich das so eingeteilt, dass ich auf der Hinfahrt auf dem Bahnhof stehend lese. Im ICE erledige ich dann morgens offen gebliebene Mails vom Vortag oder kleinere Recherchen. Den Rest der Zeit lese ich dann wiederum.

Auf der Rückfahrt läuft es im Prinzip ähnlich ab, nur nimmt hier der „Arbeits“-Teil im ICE deutlich zu.

Gewonnene Erkenntnisse

Als überzeugter und passionierter Autofahrer war dieses Experiment für mich eine echte Herausforderung. Mein Fazit stand eigentlich von Beginn an fest: Bahnfahren wird mir nicht gefallen, ich bin einfach ein Typ, der gerne in seinen eigenen 4 Wänden reist.

Aber ich muss eingestehen, dass ich falscher nicht hätte liegen können. Gerade die Fahrten im ICE haben sich als sehr wertvoll erwiesen. In dieser Zeit erledige ich einen Großteil der Arbeiten, die mich üblicherweise nicht gerade überfordern: Mails beantworten und kleinere Recherchetätigkeiten oder auch mal das Verfassen von Notizen zu irgendwelchen Ideen sind keine Tätigkeiten, bei denen ich 100% leistungsfähig sein muss. Meine Hauptleistung erbringe ich zwischen den Pendelstrecken, wie das meine Kunden auch verdienen.

Ich gewinne aber erheblich Freizeit. Denn statt etwa 2 Stunden (pro Strecke) im Auto zu sitzen und den Vordermann zu verfluchen (kommen Sie, seien Sie ehrlich, so ungewöhnlich ist das nicht) kann ich die Dinge erledigen, die sonst zu Hause von der Zeit abgehen würden, die ich viel lieber mit meiner Partnerin verbringen möchte.

Fazit

Manchmal können wir durch erhebliche Veränderungen im eigenen Leben Möglichkeiten entdecken, die wir sonst nie wahrgenommen hätten. Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass ich insgesamt 5 Stunden pro Tag mit Pendeln verbringen und das noch nicht mal als Stressbelastung empfinden würde. Sondern als Entlastung! Bei mir ging das so weit, dass das Experiment dazu geführt hat, dass ich jetzt eine BC100 habe und mich jeden Tag auf die lange Heimfahrt freue und endlich wieder einmal richtig große Fortschritte beim Lesen vom Herrn der Ringe mache.

Vielleicht suchen Sie in Ihrem Alltag auch mal nach völlig abwegigen Möglichkeiten. Ausprobieren können Sie das doch einfach mal, wenn es für Sie nicht funktioniert, haben Sie nichts verloren – aber Sie können potentiell sehr viel gewinnen.

Wir müssen uns das nur trauen und keine Angst vor Veränderungen haben.

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