„Ist mir egal”-Einstellung und die Folgen
Vielleicht kennen Sie es aus eigener Erfahrung — wenn wir in einem System „gefangen” sind, dass wir unbefriedigend und frustrierend finden, entwickeln wir gelegentlich eine „schei*egal”-Einstellung. Ich sage das bewusst so deutlich und vulgär, weil es unsere Gefühle am ehesten beschreibt
Diese Einstellung ist gefährlich. Der Artikel erläutert wieso — diesmal in deutlicher Sprache.
Schauen wir uns die Gemütslage etwas genauer an — in dem wir uns exemplarisch eine fiktive Situation ausdenken:
Ich sitze jeden Tag hier im Büro von 8 bis 16 Uhr. Mal habe ich was zu tun, aber oft nicht. Eigenständige Leistung wird nicht erwartet — und wenn ich diese doch mal bringe, wird sie oft zurückgewiesen mit Kommentaren wie ‚ich würde das lieber anders lösen’ oder ‚das ist hier unüblich’. Nach und nach stelle ich diese Eigenständigkeit ein, weil es ja eh egal ist, was ich tue. Gefällt ja nie jemandem. Ach ich schleppe mich doch im Grunde genommen nur hierher, damit ich bezahlt werde. Ob meine Arbeit nun zum Erfolg des Unternehmens beiträgt oder überhaupt irgendwie erfolgreich ist, ist mir mittlerweile völlig egal. Bringt ja eh nix — also hocke ich hier ab und versuche wenigstens nach Feierabend irgendwas sinnvolles zu machen.
Ein anderes Beispiel:
Ob wir das Problem heute lösen oder morgen, spielt keine Rolle. Wir sollten sowieso mit der Lösung noch ein paar Tage warten, sonst bildet sich bei denen noch eine Erwartungshaltung, dass wir immer so flott reagieren. Und wenn wir es morgen nicht lösen können, ist das auch nicht so wichtig. Irgendwann halt.
Diese Einstellung gegenüber Kollegen und Unternehmen halte ich für fatal. Was genau soll das bringen? Unser Job ist es nicht, andere Menschen „zu erziehen” oder „auf Kurs zu bringen”. Wenn die Erwartungshaltung unseres Gegenübers nicht stimmt, dann haben wir die Möglichkeit diese Erwartungshaltung anzusprechen und das Problem so zu lösen. „Hinhalten” ist vielleicht eine Taktik, die manche Politiker recht erfolgreich macht, aber ich habe noch nie davon gehört, dass diese Taktik einen selbst glücklich oder zufrieden macht.
Ich weiß, dass diese Einstellung durchaus verbreitet in unserer Wirtschaft ist. Aber das heißt noch lange nicht, dass sie gut oder richtig ist. Funktionieren tut sie nämlich beinahe nie — aber sie beruhigt das Gewissen desjenigen, der hier „den Starken” spielen kann: es überspielt das eigene Unvermögen eine Konfliktsituation angemessen zu bewältigen und vermeidet womöglich offenen Streit (provoziert dafür Widerstände innerhalb einer gesamten Unternehmenskultur… mit entsprechenden Folgen).
Was dieses Beispiel mit der „ist mir egal” Haltung zu tun hat, fragen Sie sich vielleicht. Es ist die zweite Seite der „egal”-Medaille: die anderen Menschen. „Egal” können wir uns nicht nur uns selbst gegenüber verhalten.
Motivationskiller
Immer, wenn wir Zeit mit Dingen verbringen, die uns völlig gleichgültig ist, zerstören wir in unserem Inneren etwas. Und zwar dieses Etwas, was uns motiviert oder uns so etwas wie „Freude” vermitteln kann. Wenn wir nur noch „funktionieren” und uns damit trösten, dass ja nach Feierabend schon alles irgendwie gut wird, sitzen wir mindestens 8 Stunden täglich nah an einer Depression herum und tun uns im Grunde selbst leid.
Der Feierabend wird glorifiziert und emotional völlig überladen. Wenn dann da auch noch was schief geht — fangen wir irgendwann an, dieselbe Einstellung auch hier an den Tag zu legen. Und damit zerstören wir dann auch unseren angeblichen Ausgleich.
Erfolgskiller
Unser „egal”-Verhalten hat aber noch andere (fatale) Folgen. Unsere Arbeit wird schlechter, wir bekommen berechtigterweise immer mehr Kritik, gefährden unsere Stellung unser Ansehen. Da uns ja angeblich alles egal ist, stört uns das dann wohl auch nicht mehr — falsch. Natürlich stört es uns, wenn wir als Person angegriffen werden. Und noch viel schlimmer: wir selbst sind der Angreifer, den wir liefern die nötige innere Einstellungen.
Wir schaufeln uns damit unser eigenes (emotionales und gelegentlich auch wirtschaftliches) Grab.
Vorübergehend mag eine „egal”-Einstellung gegenüber einem Umfeld ohne kritische Folgen bleiben — aber Sie glauben doch nicht wirklich, dass dem Gegenüber das nicht auffällt? Was glauben Sie richtet diese Einstellung beim anderen an? Wie würden Sie sich fühlen, wenn mit Ihnen so umgegangen wird? Möchten Sie nicht auch lieber offen über Schwierigkeiten sprechen und Konflikte wie Erwachsene lösen? Sie glauben Sie seien nicht in der Macht-Position, diese Gespräche anzuregen? Seit wann ist es Voraussetzung für Gespräche im Management zu sein? Führen Sie nicht jeden Tag Gespräche mit Ihrem Partner oder Ihren Kindern oder Ihrem sonstigen Umfeld?
Wenn Sie das Gefühl haben, Sie wären sowieso „der Letzte” in der Reihe und sozusagen derjenige, der nur noch „Empfänger” ist, dann haben Sie aber zumindest die Wahl: sie können wenigstens Ihre eigene Einstellung ändern. Alleine diese bewusste und aktive Entscheidung gibt Ihnen bereits Spielraum.
Ausweg
Auch wenn die Umstände nicht optimal sind, selbst wenn vorübergehend eine Situation sehr demotivierend sein kann — wir sollten eine innere Einstellung wie „es ist mir wichtig” behalten. Damit verhindern wir, dass wir unsere Situation noch verschlimmern — und wir behalten die Zügel in der Hand. Jemand, der seine Motivation völlig verloren hat, kann auch kaum noch die Motivation aufbringen, irgendetwas an der eigenen Situation zu ändern. Jemand aber, der sich immer wieder selbst das Bewusstsein gibt, dass es eben nicht völlig gleichgültig ist, was passiert — sondern ganz das Gegenteil: es wirklich von Bedeutung ist (nämlich für einen selbst!) — behält die aktive Rolle. Er/Sie kann agieren, kann handeln — und kann Entscheidungen treffen.
Ganz kurz zusammengefasst: wenn wir die eigene Einstellung zu gewissen Dingen ganz bewusst ändern und uns innerlich eben nicht abkoppeln, um ein Problem zu lösen (was wir ja gar nicht tun, wir glauben das nur), bleibt uns wenigstens die Wahl.
Es spielt keine Rolle, ob die Kultur, in der Sie sie sich befinden, geprägt ist von „Egal”-Einstellungen gegenüber sich selbst und/oder anderen. Sie können trotzdem eine andere Einstellung haben. Und sollten es auch — Sie haben gelesen, dass Sie sich mit einer Anpassung an die Kultur nur selbst schaden und das kann nicht in Ihrem Sinne sein.
Eine Situation lässt sich in der Regel ändern, wenn wir das wirklich wollen. Oft tun wir das nicht, weil wir träge sind oder uns die Motivation fehlt. Es gibt Coaches, die hier helfend zur Seite stehen (gute Couches übernehmen aber weder die Verantwortung noch das eigentliche Handeln für Sie — gute Coaches bieten „Hilfe zur Selbsthilfe”) — aber oft haben wir den idealen Coach bereits. Nämlich unseren Verstand.
Auch wenn die Welt um uns herum übel mit uns spielt — niemand kann etwas in uns selbst zerstören, wenn wir das nicht zulassen!












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