Überkritisch sein

Viele Menschen neigen dazu Situationen danach zu beurteilen, was Positive und was Negativ ist. Was also so bleiben kann und was besser gemacht werden könnte.

Aber manche konzentrieren sich fast ausschließlich auf das, was besser gemacht werden könnte. Und im Laufe der Zeit entwickeln diese Menschen dann eine große Einseitigkeit.

Konstruktiv kritisch sein

Art Critic II von Allan Henderson bei Flickr

Art Critic II von Allan Henderson bei Flickr

Natürlich gibt es Menschen, die beinahe alles kritiklos hinnehmen oder sich sogar ihre eigenen Entscheidungen schönreden. Das kann so weit gehen, dass beispielsweise wegen einer besonders ausgeprägten Marken-Treue beinahe schon gefährliche Mängel an einem Produkt nicht als Problem gesehen werden.

Die meisten Menschen aber tendieren dazu Dinge von mehreren Seiten zu beleuchten. Wir sehen etwas, was uns ausgesprochen gut gefällt und sehen das, was wir eher schlecht finden. Das alleine macht uns erst einmal wenigstens zu kritischen Menschen.

Wenn wir uns dann zusätzlich noch darüber Gedanken machen, wie das, was wir schlecht finden, besser gemacht werden könnte, wachsen wir über das Kritischsein hinaus und werden konstruktiv-kritisch. Wir nutzen also unsere Fähigkeit Dinge (mehr oder weniger) objektiv zu sehen, um „das Ding“ zu verbessern (oder es zumindest zu versuchen).

Aus meiner Sicht kostet jede Kritik Zeit und Energie (oder bspw. „Freude“). Eine konstruktive Kritik gibt diesem Aufwand aber wenigstens einen Nutzen.

Konzentration auf das Negative

Manchmal kommt es aber vor, dass wir uns sehr stark überwiegend auf das konzentrieren, was wir schlecht finden:

  • wir kritisieren das Hotelzimmer, weil es Gebrauchsspuren aufweist – und übersehen dabei bspw. das perfekt sauberer Bad
  • wir finden es unmöglich, dass der Nachbarshund ab und an bellt – und verdrängen völlig, dass er sonst aber ein liebenswertes und friedliches Tier ist
  • wir stören uns am lauten Spiellärm unserer Kinder – und vergessen dabei, dass sie durch das Spiel müde werden und wir dann abends vielleicht ein paar Stunden für uns haben
  • wir jammern darüber, dass die anderen Autofahrer alle so schrecklich fahren – aber beachten nicht die Verkehrsteilnehmer, die rücksichtsvoll und geruhsam sind
  • wir poltern gegen die Politik oder unsere Führungskraft – aber ahnen noch nicht einmal, welche Verantwortung diese Menschen tragen und wie viele richtige Entscheidungen bereits getroffen wurden

Diese Einseitigkeit ist uns oft noch nicht mal bewusst. Gelegentlich wissen wir es, es kümmert uns aber nicht weiter, dass wir einseitig sind. Denn wir dürfen uns selbstverständlich die Freiheit nehmen nicht objektiv zu sein und es noch nicht einmal zu versuchen. So lange wir wissen, dass uns das passiert und wir daraus kein generelles Verhaltensmuster machen, ist auch alles in Ordnung. Wir entscheiden uns eben bewusst gegen den Zeit- und Energieaufwand.

Anders ausgedrückt: So lange wir ab und zu mal nur Dampf ablassen wollen, geht das völlig in Ordnung – so lange wir uns dessen bewusst sind.

Ausblenden des Positiven

Guilt von Megyarsh bei Flickr

Guilt von Megyarsh bei Flickr

Ein wirkliches Problem wird diese Einseitigkeit dann, wenn aus einem gelegentlichen Dampfablassen oder einem schlechten Tag ein allgemeines/chronisches Verhaltensmuster wird. Von chronisch spricht man üblicherweise dann, wenn eine Sache in der Mehrheit so gemacht/erlebt wird (an mehr als 180 Tagen im Jahr Kopfschmerzen wird als chronisch bezeichnet, an weniger Tagen aber als periodisch/gelegentlich).

Ich glaube, dass der Übergang von kritischer zu einseitiger Denkweise und dann zu chronischem Verhalten normalerweise nicht absichtlich und bewusst erfolgt. Auch möchte ich nicht die Ursachen verharmlosen, die dazu führen können (beispielsweise erheblich schlechte Erfahrungen mit anderen oder Situationen). Ich bin auch fest davon überzeugt, dass sich Menschen ändern können, wenn sie das möchten und wir ihnen gegebenenfalls bei Bedarf auf dem Weg ein wenig zur Seite stehen.

Die Folgen

Die Folgen einer chronisch-negativen Einseitigkeit können ggf. gravierend sein.

Freude verlieren

Das chronische Konzentrieren auf das Negative führt dazu, dass die positiven Seiten komplett ausgeblendet werden. Man könnte auch sagen, dass wir uns selbst damit den Spaß an den Sachen verderben. Wir handeln also selbstzerstörerisch.

Freunde verlieren

So ganz nebenbei gehen wir damit aber auch unserem Umfeld zunächst einmal nur auf die Nerven. Dann aber entwickeln wir uns zu echten Problemen, weil wir auch anderen damit die Freude verderben; wir ziehen andere „runter“.

Wer möchte schon ständig nur auf die negativen Seiten hingewiesen werden, selbst dann, wenn wir selbst auch (ausgeglichener) kritisch sind?

Denkfähigkeiten verlieren

Das chronische Fokussieren auf das, was nicht so ist, wie wir es für gut halten, kann auch im Laufe der Zeit dazu führen, dass wir auch unsere Fähigkeit zu differenziertem Denken einbüßen.

Zum Differenzieren gehört die Fähigkeit die Dinge von verschiedenen Seiten betrachten zu können. Das kann auch mal heißen die negativen Dinge auszublenden oder gegenüber den positiven Dingen anders zu gewichten. Das können wir kaum noch, wenn wir dauerhaft nur das Negative sehen können/wollen.

Uns selbst verlieren

Nach einiger Zeit werden wir aber das größte Opfer bringen. Wir werden unsere eigene Persönlichkeit verlieren. Zumindest den Teil unserer Persönlichkeit, der sich für neue Dinge begeistern konnte, der neugierig war. Der dazu geführt hat, dass wir überhaupt erst da sind, wo wir heute sind. Der uns in unseren Beruf geführt hat, der uns unsere Familie gegeben hat.

Denn das Konzentrieren auf die negativen Seiten nimmt uns jede Motivation und Freude an den Dingen.

Ich denke es geht bisweilen so weit, dass wir unser eigenes Glück gegen das ständige Herummeckern an allem eintauschen.

Beobachtungen

Verstehen Sie diesen Text bitte so, dass ich den Weg von einem normalen, kritischen Denken hin zu einer beinahe krankhaften Konzentration auf das Negative zeichne.

Nicht alle kritischen Menschen werden diesen Weg gehen, ich glaube sogar, dass es die wenigstens tun. Weil wir meisten von uns erkennen, wenn wir zu weit gehen.

reconstructionist bei Flickr

reconstructionist bei Flickr

Aber schauen Sie mal in ihrem Umfeld, ob Sie dort Menschen erleben, die immer wieder dadurch auffallen, dass sie an allem etwas auszusetzen haben und praktisch nichts Gutes finden. Haben Sie den Eindruck, dass diese Menschen

  • beliebt
  • ausgeglichen
  • glücklich
  • zufrieden
  • motiviert
  • motivierend
  • angenehm
  • gesellig

sind?

Oder erleben Sie eher, dass man Kontakt mit diesen Menschen – völlig unabhängig davon wie erfolgreich diese Menschen sind! – versucht zu vermeiden?

 

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.